Probefahrt-by-Proxy: Mit dem Anfibio Rebel 2K im Wildwasserkanal

Der Oktober bringt nochmal ein wunderschönes Sonnenwochenende und da unser Ausflug zum Wildwasserkanal in Budweis so ein Erfolg gewesen war, soll es wieder zu einem tschechischen Kanal gehen. Sven vom Packrafting Store ist mit von der Partie und schlägt ein Treffen in Brandys nad Labem vor, einem kleinen Städtchen östlich von Prag. Hier geht ein etwa 200m langer Wildwasserkanal von der Elbe ab mit Schwierigkeiten, die sich durchgängig im WWI-II-Bereich bewegen. Durchaus anfänger- und kindertauglich also. Parallel zur Wildwasserstrecke gibt es einen kleinen Rückpaddelkanal, so dass man am Schluss nur noch eine Treppe hochsteigen muss und schon ist man wieder im geräumigen Einsetzbecken.

Eine benachbarte Zeltmöglichkeit gibt es leider nicht (und auch keinerlei sanitäre Anlagen in der Nähe), daher mieten wir uns in einer kleinen Pension im Ort ein.

Bereits am frühen Freitagnachmittag machen wir uns auf den Weg nach Brandys, in der Hoffnung dem üblichen Verkehrschaos zu entgehen. Ein schwerer Unfall mit Vollsperrung bei Garching und eine weitere Vollsperrung bei Neufahrn machen uns aber einen Strich durch die Rechnung: nach 1,5 Std. Fahrzeit sind wir gerade einmal auf der Höhe von Oberschleißheim – eine Strecke, die man normalerweise von uns zu Hause in ca. 30 Minuten mit dem Fahrrad zurücklegt. Wir müssen akzeptieren, dass heute wohl kein Weg mehr aus München herausführt und kehren erst einmal um. Es heißt also mal wieder: früh aufstehen. Am nächsten Morgen sind wir tatsächlich gegen 5:00 Uhr auf der Straße, kommen gegen 9:00 in Brandys nad Labem an und sind um kurz nach 10  bereits auf dem Wasser – naja, zumindest die Jungs sind auf dem Wasser, denn ich bin wieder einmal selbstverordnet auf die Zuschauerränge verbannt.

Team Dresden lässt noch auf sich warten, und so sind wir fürs erste allein. Ein paar k-IMG_8800Paddelschläge im Einsetzbecken zum Aufwärmen, dann kann es losgehen in den Kanal. Anders als der Kanal in Budweis ist dieser hier schmal und gerade und zu beiden Seiten von ca. 1/2m hohen Betonwänden eingefasst. Es gibt zwar viele kleine Kehrwasser, aber keine Möglichkeit zwischendrin ein- oder auszusteigen. Ein Hindernis folgt aufs nächste, bis zum Kanalende nach 200 m.

Nacheinander und ohne Probleme passieren Lars und die Kinder den ersten Abfall. Es folgen ein paar kleine Hindernisse, Wellen und Walzen, dann kommt eine größere Schrägwalze von rechts. Kein Problem für Niklas, Jaaku dagegen verschätzt sich bei der Durchfahrt und kentert. Und das schon bei der ersten Fahrt! Kind und Boot sind schnell geborgen, aber Jaaku ist frustriert und hat keine Lust mehr zu fahren. Budweis ist für ihn vorerst wohl noch die bessere Übungsoption! Niklas dagegen kommt voll auf seine Kosten. Nach der ersten einfachen Kanaldurchfahrt beginnt er bei den folgenden Malen in den Walzen und Kehrwassern zu spielen, sein Können auszutesten und sich an seine Grenzen heranzutasten.

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fährt sich gut

Unterdessen sind auch Sven und ein Freund angekommen (leider ohne Familie, die krank zu Hause geblieben ist). Zu meiner großen Freude hat er seinen neuesten Prototypen mit im Gepäck, den Anfibio Rebel 2K, den ich bisher nur von Bildern her kenne. Neben der Tatsache, dass Prototypen immer spannend sind, interessiert mich dieses Modell besonders, da es genau das ist, was ich mir immer gewünscht hatte: zwar kein echtes UL-Modell, aber mit ca. 2kg Gewicht doch ziemlich leicht, mit Spritzdecke ausgestattet, die aber nicht den Großteil des Bootes verschließt, sondern sich mit Reiß- und Klettverschluss sehr weit öffnen lässt. Kein echtes Wildwassermodell, aber wildwassergeeignet und damit für unsere Zwecke genau richtig. Und die völlig neuartige Variante eines Gepäckreißverschlusses machen den Rebel auch noch zu einem vollwertigen Tourenboot für längere Reisen. Für mich kommt das schon ziemlich nah dran ans Eierlegende-Woll-Milch-Raft – entsprechend groß ist mein Interesse.

Beim Aufbau nutzen wir die Chance, den Rebel genau zu begutachten und den restlichen

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Jetzt ist Niklas an der Reihe

Tag über können wir uns von seiner Performance im leichten Wildwasser überzeugen. Am liebsten würde ich mich natürlich selbst von den Qualitäten des Rebel überzeugen, aber das ist erst in ein paar Monaten wieder möglich. Uns auch Lars fällt als Testpilot aus: mit 2m Körpergröße sind seine Beine schlicht zu lang! Aber dazu hat man ja Kinder: Niklas ist gerne bereit, stellvertretend für mich eine Testfahrt zu wagen. Sven weist ihn erst einmal auf dem Trockenen in die Handhabung des Rebel ein, versorgt ihn mit einer Fußstütze, erklärt ihm die Spritzdecke und die Benutzung der Schenkelgurte (die allerdings im Serienmodell nicht zur Ausstattung gehören). Dann kommt der schwierigste Part: wir verlangen von Niklas in großen Becken absichtlich zu kentern um sicherzugehen, dass er sich im Ernstfall aus dem Boot befreien kann. Das kalte Wasser ist hierbei für ihn nicht das Problem, wohl aber die große Kindergruppe, die sich nebenan gerade zum Fahren bereitmacht. Mit etwas gutem Zureden lässt er sich schließlich überzeugen, beginnt hin- und her zu schaukeln, erreicht den Kippunkt und verschwindet unter Wasser. Kurz darauf taucht er unter dem Boot hervor und vergewissert sich, ob man auch sicher gesehen hat, dass das Kentern Absicht war.

k-IMG_8912Nun steht einer echten Probefahrt im Kanal nichts mehr im Weg. Schon bei der ersten Welle sieht man den Unterschied zum offenen Delta: Niklas taucht tief in die Woge ein, das Wasser fließt über die Spritzdecke ab, das Boot bleibt leicht und wendig – ein völlig neues Gefühl für ihn, was ihn zu übermütigem Probieren veranlasst. Statt den größeren Wellen und Walzen auszuweichen geht es jetzt mitten hindurch. Und die Schenkelgurte verleihen ihm ein ungeahntes Maß an Kontrolle. Es ist eine wahre Freude zuzusehen, wie er geschickt durchs Wildwasser manövriert und mehr und mehr an Souveränität gewinnt. Immer näher traut er sich gegen den Strom an die größeren Walzen heran, versucht zu surfen, k-IMG_9005lässt sich dann wieder zurücktreiben. Einmal dreht er sich zu weit seitwärts, gerät in bedrohliche Schräglage, stützt sich geistesgegenwärtig mit dem Paddel ab. Ein sekundenlanger Kampf folgt, das Paddel weit neben sich im Wasser ringt er darum, die Kontrolle zurückzuerlangen, kippt immer mehr, gibt nicht auf. Und tatsächlich: er schafft es, sich im Boot zu halten. Wow, das hätte keiner von uns gedacht! Sichtlich stolz fährt er die letzten Meter bis zum Ende des Kanals. Klar, dass es nicht bei der einen Testfahrt bleibt, so leicht kriegt man ihn jetzt nicht mehr aus diesem Boot! Sven ist zum Glück so langmütig und lässt ihm den Spaß und so folgen noch einige weitere Fahrten bevor es schließlich an der Zeit ist, aufzubrechen.

Fazit ist: der Rebel wird wohl unsere nächste größere Anschaffung werden. Ob allerdings diese Stellvertreter-Probefahrt so eine gute Idee war muss sich noch zeigen: Jetzt, wo Niklas Blut geleckt hat, weiß ich nicht, wie viel ICH dazu kommen werde, das neue Boot zu fahren.

 

 

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