Familienzuwachs: Erfahrungen mit dem Anfibio Delta MX als Kinderboot

Die Kinder werden größer, im Zweier wird es enger und der Drang, selber zu paddeln steigt stetig – kurz gesagt: ein drittes Packraft musste her. Ein möglichst einfaches, leichtes sollte es diesmal sein (obwohl wir auch immer noch den Wildwassermodellen liebäugeln) und so fällt die Wahl nach einigem hin- und her auf das Anfibio Delta MX.

Alpha und Delta haben wir und die Kinder schon bei verschiedenen Gelegenheiten intensiv ausprobiert, sowohl auf der Moldau und im Wildwasserkanal als auch bei Kanutestival in Oberschleißheim. Beide sind leicht und wendig und auch von einem einzelnen Kind gut zu handhaben. Den Ausschlag fürs Delta gibt das größere Platzangebot, das es uns erlaubt, auch mal einen zusätzlichen Erwachsenen plus Kind auf Tour mitzunehmen.

Eckdaten

Mit ziemlich genau 2kg Gewicht (nachgewogen; inkl. Sitz und Blasesack) gehört das Anfibio Delta zu den Leichtgewichten unter der Packrafts, bietet dabei mit einer Innenraumgröße von  140cmx38cm und einer Zuladung von bis zu 160kg genug Kapazität für 2 Kinder mit Reisegepäck oder einen Erwachsenen plus Kind mit Tagesgepäck. Zwei Erwachsene hineinzuquetschen dürfte hingegen weniger komfortabel sein, für einfache Gewässerquerungen  oder Touren mit hohem Wanderanteil aber sicherlich auch eine Option.

Preislich liegt das Boot mit 659€, was Packrafts betrifft, eher im unteren Bereich, viel Geld ist das natürlich trotzdem.

ein erster Rekord

Die Lieferung durch den Packrafting Store erfolgt gewohnt zügig, schon wenige Tage nach der Bestellung halten wir user neues Packraft in den Händen.

Der erste Aufbau erfolgt im Wohnzimmer. Dank des mitgelieferten Blasesacks liegt das quietscheentengelbe nagelneue Raft schon nach wenigen Minuten prall aufgepumt vor uns. Die Stabilisierung des oberen Rands des Blasesacks durch zwei biegsame Plasikstreifen gefällt mir allerdings weniger, hier komme ich mit den festen Stangen, die wir von unseren älteren Modellen gewohnt sind deutlich besser zurecht.

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Blasesack mit biegsamen Plastikstreifen als Versteifung

Das Ventil dagegen halte ich für eine signifikante Verbesserung gegenüber unseren 5 Jahre alten Alpacka-Rafts, die noch ein sehr verschleißanfälliges separates Mundventil besitzen. Im Anfibio Delta MX kommt ein integriertes Rückschlagventil zum Einsatz, das es einem erlaubt, allein mit dem Mund einen deutlich höheren Druck (und damit eine deutlich verbesserte innere Steifigkeit) im Boot zu erreichen, bei gleichzeitig geringerer Anfälligkeit gegen Beschädigung oder Verschleiß.

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Ventil (geschlossen)

 

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Ventil (offen)

 

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Ventil (Rückschlagventil zum nachpumpen)

Um Gewicht zu sparen ist das Packraft minimalistisch ausgestattet. Im Lieferumfang enthalten ist (neben dem Blasesack) ein Sitz mit Rückenlehne, der sich mittels einer Lasche leicht im Boot befestigen und auch ohne Aufwand wieder ausbauen lässt. Letzteres ist gerade beim Trocknen des Boots nach einer Tour sehr von Vorteil.

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einfache Sitzbefestigung

„Ab Werk“ ist das Delta ausgestattet mit vier Schlaufen am Bug, die es erlauben mittels Spannriemen auch große Gepäckstücke einfach zu befestigen und zwei weiteren Schlaufen am Heck. Um eine umlaufende Leine zu installieren (die wir sehr zu schätzen gelernt haben) oder auch auf dem Heck Gepäck zu befestigen müssten noch zusätzliche Haltepunkte ergänzt werden.

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Anfibio Delta MX mit Haltepunkten zur Gepäckbefestigung

Nachdem wir es geschafft hatten unser Faltboot schon auf seiner Jungfernfahrt zu versenken stellen wir mit dem Anfibio Delta einen neuen Rekord auf: schon vor dem ersten Wasserkontakt, genaugenommen auf dem Weg aus dem Wohnzimmer in den Garten, ziert unser neues Raft ein Loch von beeindruckender Größe.

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Havarie vor dem ersten Wasserkontakt…
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…und Reparatur derselben

MERKE: die Kombination aus einem enthusiastischen Kind, einem neuen Packraft und einem über den Nähtisch herausragenden scharfkantigen Metalllineal sollte tunlichst vermieden werden. (Sollte so eine alltägliche Gefahrensituation nicht eigentlich im Benutzerhandbuch gesondert Erwähnung finden?)

Bevor wir also Paddeln gehen ist erstmal Flicken angesagt – und falls jemand es noch schneller schafft, ein neues Boot zu ruinieren: bitte melden, ich geb‘ auch einen Kaffee aus. DEN Rekord geben wir gerne ab!

Geradeauslauf

Bei einem kurzen, leichten Boot, das mit einem leichten Kind besetzt ist, ist der Geradeauslauf natürlich ein wichtiges Thema. Besetzt mit einem normalgroßen Erwachsenen ist die Spurtreue auch bei einem sonst leeren Delta hinreichend gut (wenngleich natürlich nicht optimal). Bei einem einzelnen Kind im Heck schwankt der Bug dagegen arg hin und her, was Effizienz und Fahrspaß natürlich einschränkt.

Um den Geradeauslauf zu verbessern eignet sich zum Bespiel eine abnehmbare Finne (wie z.B. diese hier), die man leicht selber installieren kann. In tiefem Wasser lässt sich dadurch eine signifikate Verbesserung von Geschwindigkeit und Spurtreue erreichen. Schwieriger wird es jedoch in flachem, steinigem Gewässer, wo die Finne schnell stört. Bei unserer diesjährigen dreiwöchigen Finnlandtour hatten wir häufige Wechsel zwischen extrem flachen, steinigen Fließstrecken und tiefen, ruhigen Abschnitten. Hier war die Finne leider nicht mehr hilfreich.

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abnehmbare Finne

Noch besser funktioniert unserer Erfahrung nach ein zusätzliches Gewicht im Bug, z.B. ein ca. 5-jähriges Kind. Vorsicht: besagtes Kind sollte nicht mit einem Paddel ausgestattet sein, da dies die positiven Effekte schnell zunichte macht. Da diese Variante auf längeren Touren wenig praxistauglich ist, lässt sich das Kind auch durch einen gut gefüllten Packsack oder einen Wassersack ersetzen.

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ein Kind im Bug verbessert den Geradeauslauf
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alternativ dazu: ein gut gefüllter Packsack

stille Gewässer

Die ersten Tests mit dem neuen Packraft finden auf Seen statt, zuerst auf dem heimischen Weiher, dann auf einem langgestreckten See am Beginn unserer diesjährigen Sommertour im finnischen Hossa-Nationalpark. Anfangs paddeln unsere beiden Jungs gemeinsam im Delta, jeweils ausgestattet mit einem Doppelpaddel. In den (leider raren) Momenten, in denen sie konstruktiv zusammenarbeiten, schaffen sie es, eine beachtliche Geschwindigkeit zu erreichen, bei der wir Erwachenen (jeweils allein im bepackten Boot) nicht mithalten können. Die von Anfibio angegebenen 4km/h werden von den beiden locker übertroffen.

Dem Familienfrieden zuliebe wechseln wir später dennoch auf eine Einzelbesetzung, aber auch hier kann sich die Geschwindigkeit über eine längere Strecke sehen lassen und Niklas gelingt es ohne weiteres, mit uns Schritt zu halten.

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als Zweier gepaddelt: beachtliche Geschwindigkeit

Fließgewässer

Auch auf den kurzen Fließwasserabschnitten OHNE Grundberührung (mehr dazu siehe unten) ist das Delta von den Kindern ohne Probleme zu handhaben und zu manövrieren, ist also auch auf Flüssen als Kinderboot ohne Einschränkung geeignet.

Wildwasser

Vom Hersteller wird das Anfibio Delta MX maximal für WWI empfohlen, was aufgrund der vergleichsweise geringen Schlauchdurchmesser für Erwachene sicher sinnvoll ist. Für Kinder (mit entsprechendem Können und Vorerfahrung) lassen sich auch WWII-Stromschnellen mit dem Delta souverän befahren. Nach vorheriger Besichtigung lassen wir unseren 10-jährigen Sohn Niklas die wenigen WWII-Schnellen ohne Sorge mit voll bepacktem Boot alleine fahren. Geschickt lenkt er das Boot zwischen den zahlreichen Steinen hindurch sauber durch die Strömung.

An ein paar WWI-Stromschnellen halten wir uns länger auf und der 7-jährige Jaaku nutzt die Gelegenheit, sein Können im Delta seinerseits auf die Probe zu stellen. Die Leichtigkeit und Wenigkeit des Bootes erlaubt es ihm dabei, auch stark verblocke, sehr flache Stromschnellen, die einen wahren Slalomparcours darstellen, sicher zu meistern.

Wind

Wie alle Packrafts ist das Delta natürlich aufgrund seiner Form recht windanfällig und bei starkem Gegenwind kommt man schnell an seine Grenzen. Bei unserer Tour hatten wir teilweise recht starken, böigen Wind aus allen erdenklichen Richtungen, gelegentlich garniert mit einem beachtlichen Wellengang. Trotzdem hat es unser 10-jähriger Sohn immer geschafft gut mit uns Erwachenen mitzuhalten. Bei Gegenwind gelingt es ihm (mit viel Willen und zusammengebissenen Zähnen), annähernd das gleiche Tempo zu halten wie wir.

Bei Seitenwind konnte er trotz des Wellengangs die Spur (mit wie ohne Finne) gut halten und war auch durch das Schwanken des Rafts in den Wellen nicht aus der Ruhe zu bringen.

Und die seltenen Fälle von Rückenwind stellten sowieso kein Problem dar.

Härtetest1

Aufgrund des niedrigen Wasserstands erweist sich unsere Tour durch den Nordteil des Hossa-Nationalparks als echter Härtetest in puncto Robustheit und Abriebfestigkeit für die Boote. Unsere alten Packrafts sind ja in der Beziehung schon einiges gewohnt, bei dem neuen Boot waren wir anfangs jedoch etwas skeptischer, ist doch das Material deutlich dünner und leichter als das unserer Explorer 42.

Obwohl ständig Wasser von oben kommt ist der Wasserstand der Flüsse dieses Jahr mitte August schon sehr niedrig. So niedrig, dass wir irgendwann über jede noch so kurze Fließstrecke fluchen. Die großen, kantigen Steine in den Bachläufen sind kaum von Wasser überspült, mit Glück kommt man hier und da mal 1-2 Meter weit, meist sitzt man früher wieder auf und muss ich mühsam freiruckeln oder aussteigen und treideln. Und das teilweise kilometerweit! Die wenigen etwas tieferen Abschnitte hat ein umsichtiger Biber mit Ästen und Baumstämmen bis kurz unter die Wasseroberfläche zugebaut, so dass wir nicht nur Steine, sondern auch spitze Zweige und abgebrochene Äste fürchten müssen – ein echter Härtetest also, den das Anfobio Delta MX jedoch mit Bravour besteht.

Härtetest2

Der eigentliche Härtetest steht dem Delta allerding noch bevor: ein Nachmittag allein mit meinen Kindern! Die Sprünge vom Rand, die gemeinsamen wilden Kenterungen und das Ziehen durch Schilf und flaches Wasser steckt das Raft zum Glück gutmütig und ohne Schaden zu nehmen weg.  Damit ist das neue Packraft bereit, offiziell in unsere Familie aufgenommen zu werden und trägt fortan den Namen „Plopp“ (benannt nach dem Geräusch, das entsteht, wenn das Packraft mit Schwung in das eingangs erwähnte Metalllineal gerammt wird).

sonstige Nutzungsmöglichkeiten

Und falls das alles noch nicht reicht, bestehen noch einige andere praktische Anwendungsmöglichkeiten für das Raft: unter anderem eignet es sich vorzüglich als Krankenbett bei plötzlich auftretenden Bauchschmerzen (die im Fall eines plötzlich auftauchenden Rentiers auch genau so schnell wieder verschwunden sein können), oder als Abschleppfahrzeug, falls sich der vorher als Gewicht genutzte Fünfjährige mit dem Floß auf Abwege begibt.

Weniger geeignet ist das Packraft allerdings zu Schlichtung von Geschwisterstreitigkeiten (bzgl. Paddelfrequenz, Richtung, Sitzposition…), hier müsste vom Hersteller dringen nachgebessert werden.

 

 

 

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