Grönland(6) – Stück für Stück zurück nach Ilimanaq

Da das Wetter bisher so instabil war mit viel Wind, viel Regen und ungewöhnlicher Kälte, hatten wir schon früh beschlossen, dass wir uns nicht viel weiter trauen als wir bisher gekommen sind. Wir wollen uns daher langsam auf den Rückweg nach Ilimanaq machen und die restliche Zeit für Wanderungen südlich und nördlich des Eisfjords nutzen – ohne Boot.Da wir keinerlei Eile haben, fallen die Etappen klein aus und wir nutzen auch nach Ankunft am Lagerplatz die letzten Paddelgelegenheiten ausgiebig für kleine Ausflüge zwischen den Eisbergen. Das Wetter ist und bleibt durchwachsen, windig, aber nicht mehr so sehr, dass ein Fortkommen unmöglich wäre, trübe, aber weitgehend trocken, hier und da ein paar Sonnenstrahlen.

Am ersten Tag fahren wir zurück zu dem Bach, ab dem wir schon einmal gezeltet hatten. Wir kommen gut voran, der Wind ist nicht allzu störend, das Wasser vergleichsweise ruhig. Im Nachhinein bin ich überrascht, wie aufgewühlt das Meer auf den Fotos wirkt, und auf der anderen Seite, wie unspektakulär die Wellen auf den Fotos jener Tage sind, an denen wir uns aufgrund des Windes nicht aufs Wasser getraut hatten…

An exakt der gleichen Stelle wie ein paar Tage vorher schlagen wir unser Zelt auf. Zum Kochen nutzen wir, wie zuvor, unsere aus Treibholz gebaute, notdürftig windgeschützte Sitzecke. Den Nachmittag über paddeln wir in wechselnder Besetzung in der Bucht zwischen den imposanten Eisbergen herum, neugierig beobachtet von einem Polarfuchs, der sich – wenn immer er sich unbeobachtet fühlt – vorsichtig an unsere Sachen heranschleicht, nur um dann wieder schleunigst Reißaus zu nehmen, sobald er unsere Blicke bemerkt.

Unter solch kontrollierten Bedingungen darf Jaaku auch wieder seine geliebte neue Schwimmweste tragen, den Prototypen einer neuen aufblasbaren Kinderschwimmweste von Anfibio, den Sven uns zu Testzwecken mitgegeben hatte (dem einen odere anderen wird der plötzliche Wechsel von oranger zu blauer Weste auf den Bildern bereits aufgefallen sein) – beizeiten werde ich hierzu noch genauer berichten.

 

Am nächsten Morgen bin ich schon sehr früh auf und genieße (und fotografiere) bei eisigen Temperaturen einen wunderschönen, stimmungsvollen Sonnenaufgang über unserer Bucht währen die anderen noch schlafen.

Als dann alle wach sind, starten wir routiniert in den Tag: frühstücken, packen, Zelt abbauen, Trockenanzüge anziehen, Boote beladen… und dann beginnt leider schon die letzte Paddeletappe dieser Reise. Zurück zur verfallenen Hütte, die Boote auf den Rücken geschnürt den kleinen Pass hinauf, ein letzter Blick zurück zur eisgefüllten Bucht, dann hinunter zum See Tasersuaq Alleq.

An die Trockenanzüge, die anfangs immer an Hals und Handgelenken etwas unangenehm sind, haben wir uns inzwischen so gut gewöhnt, dass uns auch beim Laufen kaum mehr bewusst ist, dass wir sie anhaben. Die PVC-Anzüge der Kinder werden bei intensiver Bewegung innen immer recht nass, unsere dagegen nicht. Der Wechsel aus gemütlichem Paddeln und schweißtreibendem Bergwandern, gefolgt von einer ausgedehnten Mittagspause bei kalten Temperaturen ist ein echter Härtetest – den unsere Anzüge mit Bravour bestehen. Für die Kinder dagegen werden wir, wenn neue Größen fällig werden, wohl auch zu atmungsaktivem Material greifen… und Füßlinge wählen… Auf jeden Fall Füßlinge!!!… Das „Trockenwohnen“ nasser Kindersocken bei arktischen Temperaturen wollen wir wir in Zukunft möglichst vermeiden.

Während wir kochen vergnügen sich die Kinder mit einem zerbrochenen Grönlandpaddel, das sie irgendwo gefunden hatten. Und Jaaku erzählt mir aufgeregt von einem „Gecko“, das er mir laut rufend vorführen will. Es dauert eine ganze Weile, bis ich begreife, dass er ein „Echo“ meint, das die gegenüberliegende Felswand schwach zurückwirft.

Ein allerletztes kurzes Paddelstück liegt jetzt noch vor uns: wir müssen auf die andere Seite des Sees übersetzen. Ich schnalle den großen Trockensack nur schlampig aufs Boot und bitte Jaaku dann einzusteigen. Als er in den Bug hinter das Gepäck klettert dreht sich das toplastige Boot plötzlich um, und  der verdutzte Jaaku landet im Wasser! Da hat sich der Tockenanzug doch noch richtig gelohnt!

Am anderen Seeufer schlagen wir im im Schutz einer Felswand unser Lager auf und nutzen die fahlen Nachmittagssonnenstrahlen dazu, unsere Ausrüstung zu trocknen. Und am Ende können wir tatsächlich die gesamte Paddelausrüstung weitestgehend trocken wegpacken – ein großes Glück, denn am nächsten Tag regnet es… mal wieder!

 

Schließlich sind noch die letzten paar Kilometer bis nach Ilimanaq zu überwinden. Inzwischen sind unsere Essensvorräte soweit zusammengeschmolzen, dass wir all unser Gepäck ohne Probleme auf einmal tragen können. Dennoch ist der Weg durchs Moor mühsam, von häufigen Umwegen geprägt und endet trotz allem in nassen Füßen. Je mehr wir uns Ilimanaq nähern, desto trüber wird es und als wir ankommen regnet es genau wie bei unserem Aufbruch.

Am Hafen angekommen stocken wir unsere Vorräte im kleinen, aber erstaunlich gut sortierten, Pilersuisoq auf. Gegenüber, an der Rezeption der neueröffneten Ilimanaq Lodge, buchen wir die Rückfahrt nach Ilimanaq für ein paar Tage später und dürfen unser Paddelgepäck unentgeltlich in einem Abstellraum der Lodge für ein paar Tage lagern.

Deutlich leichter verlassen wir dann den Ort in Richtung Norden, wo wir zwischen Ort und Eisfjord die nächsten Tage wandern wollen.

Rundherum leuchtet schon die Tundra in intensiven Rot- und Orangetönen. Der Herbst hat Einzug gehalten.

Zwischenzeitlich hatte der Regen aufgehört, nun setzt er erneut und verstärkt wieder ein – hier und da mischen sich auch ein paar Schneeflocken darunter und es ist kalt! Zeit also, sich langsam einen Lagerplatz zu suchen. An einem flachen, sauberen See werden wir fündig: genug ebene Stellen zum zelten, ein paar Felsen, die uns vor dem Wind schützen, Trinkwasser… und eine grandiose Aussicht auf die Eisriesen des Ilulissat Kangerlua. So ein Blick aus dem Zelt ist mit Geld nicht zu bezahlen und lässt uns wieder einmal alle Widrigkeiten vergessen!

Mit Heißhunger stürzen wir uns abends auf die gekauften frischen Lebensmittel – nach Tagen der Minimalverpflegung bei kalter Witterung und intensiver körperlicher Aktivität sind wir richtig ausgehungert.

Nach der guten Mahlzeit werden die Kinder richtig übermütig, und beschließen tatsächlich, im See zu baden – wir Erwachenen dagegen lehnen dankend ab!

 

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