Packraften in Tschechien(3): Anekdoten aus dem Wildwasserkanal

Nach der gemütlich-faulen Moldautour machen wir noch Station am Wildwasserkanal in České Vrbné, nahe Budweis – und hier ist etwas mehr Adrenalin angesagt! Der künstlich angelegte Wildwasserkanal liegt etwas nördlich von Budweis direkt an der Moldau. Oberhalb einer Staustufe/Schleuse wird Wasser aus der Moldau abgeleitet und fließt im Halbrund durch einen etwa 600m langen Kanal, der bestückt ist mit künstlichen Hindernissen, bevor es ein Stück unterhalb der Schleuse wieder in den Fluß zurückgeführt wird.

Einfachere und schwierigere Abschnitte (bis WW III) wechseln sich im Kanal ab, dazwischen gibt es immer wieder ruhige Becken, die man zum Zu- oder Ausstieg nutzen kann – hier ist also für jeden etwas dabei und sogar die Kinder können wir – speziell im untersten Stück – auch mal unter Aufsicht alleine fahren lassen.

Für umgerechnet 6€  Tagesgebühr kann man hier nach Herzenslust seine Fähigkeiten im Wildwasser austesten. Im breiten, flachen Becken am oberen Ende des Kanals kann man am Rand ganz gut baden, ein Kinderspielplatz ist vorhanden, genau wie ein kleines Restaurant.  Und das Beste: man kann direkt neben dem Kanal zelten. Ein ideales Ziel also auch für paddelaffine Familien.

Paddeln… oder doch lieber schwimmen?

Der Kanal beginnt mit einem großen, rechteckigen Becken, dessen Ausgang eine breite, hohe Stufe bildet. Direkt dahinter ist schon das nächste Becken, eine ideale Stelle zum üben also. Bis zur Brücke sind die Schwierigkeiten mäßig, aber danach geht es richtig zur Sache: wild schäumend und ohne nennenswerte Ruhephasen bahnt sich hier das Wasser seinen Weg, bis es im vorletzten Becken endlich wieder ruhiger wird.

Beim Ansehen bereits juckt es mich in den Fingern, aber es braucht noch eine Menge Überwindung und viele Übungsläufe in ruhigeren Abschnitten bis ich mich endlich doch daran traue.

Die meisten der anderen haben da weniger Berührungsängste und so habe ich die Gelegenheit einige sehr beeindruckende Fahrten zu beobachten und zu fotografieren – nicht immer bilden Boot und Fahrer dabei eine Einheit.

Erst ganz zum Schluss traue ich mich (im Alligator 2S Pro) auch einmal die gesamte Strecke zu fahren. Die erste Stufe bringt Adrenalin – und Selbstvertrauen. Die nächsten paar Meter sind entspannt, aber ab der Brücke ist vollste Konzentration angesagt – hier darf man sich keinen Moment der Unaufmerksamkeit leisten. Und dann habe ich es tatsächlich geschafft, wow, was für ein Gefühl! Am liebsten würde ich es gleich nochmal versuchen, aber dafür reicht leider die Zeit nicht mehr.

Naja, vielleicht beim nächsten Mal!

Niklas

Niklas besteht darauf, alleine zu fahren. Wieder ist er im Alpha XC unterwegs und natürlich unter Aufsicht: ein Erwachsener ist immer im Boot in seiner Nähe, ein weiterer steht an Land bereit und so steht dem Paddelspaß im Wildwasser unter kontrollierten Bedingungen nichts im Weg – soll er ruhig mal seine Grenzen austesten.

Wir fangen klein an, im untersten Bereich des Kanals, vom letzten Becken aus bis zur Moldau. Das klappt sehr schön und er gewinnt schnell an Sicherheit im Umgang mit dem Boot. Als nächstes arbeitet er sich, wie er das von uns anderen beobachtet hat, über die Kehrwasser ein Stück stromaufwärts, spielt in den Wellen und Walzen, fährt wieder hinunter nur um das Spiel wieder von vorne zu beginnen. Irgendwann äußert er den Wunsch, von weiter oben zu starten, wo es schon deutlich wilder ist. Bevor wir ihm das erlauben, möchte ich, dass er weiß, was ihn im Fall einer Kenterung erwartet, dass er den Kontrollverlust spürt, nicht in Panik gerät, weiss was zu tun ist. Deshalb durchschwimme ich zuerst einmal die Strecke mit ihm – was er so toll findet, dass er gleich nochmal will (da muss dann allerdings Papa ran)!

Jetzt steht dem Ganzen nichts mehr im Wege: er trägt sein Boot also bis zum zweiten Becken und dann geht es los. Konzentriert paddelt er, nimmt gekonnt die ersten Wellen, tanzt sekundenlang auf der größten Walze kurz vor dem letzten Becken (was ihm ein anerkennendes Kopfnicken von ein paar anderen Paddlern einbringt), behält die Kontrolle , hat es dann geschafft – zurecht ist er stolz auf diese Leistung. Und es bleibt natürlich nicht bei dieser einen Fahrt. Und einmal gelingt es dann doch einer größeren Welle, ihn aus dem Boot zu befördern – aber davon lässt er sich nicht aus der Ruhe bringen. Er ist hier wahrlich in seinem Element!

wo beim Packraft oben ist

Lars hat von uns Erwachsenen am wenigsten Erfahrung im Wildwasser, nicht zuletzt deshalb, weil er mit seinen über 2m Körpergröße für die einschlägigen Bootsmodelle schlicht zu groß ist und daher bei den wilderen Touren bisher außen vor bleiben musste.

Umso mehr nutzt er jetzt die Gelegenheit – ist aber auch auf ein Modell ohne Schenkelgurte angewiesen, was ein ziemliches Handicap darstellt. Aber unter den kontrollierten Bedingungen im Wildwasserkanal ist die eine oder andere Kenterung ja kein Drama. Und so kommt er endlich auch einmal in den Genuß echten Wildwassers (und treibt dabei das mit dem Kentern soweit auf die Spitze, dass wir boshaft fragen, ob er weiß, welche Seite beim Packraft nach oben gehört…).

Kinderprogramm

Während Niklas stolz im eigenen Boot seine Fähigkeiten im Wildwasser austestet sind die beiden kleineren Kinder dafür noch zu jung. Aber den Wildwasserkanal wollen die beiden sich auch nicht entgehen lassen und so sind sie zumindest als Passagiere dabei. Einmal fahre ich mit Jaaku zusammen die letzten paar (ruhigeren) Meter bis zur Moldau, aber die meiste Zeit fahren die Kinder mit Sven zusammen im Barracuda. Ich selber traue mir den Barracuda mit Passagieren im Wildwasser nicht alleine zu, aber Sven ist ein hervorragender und verantwortungsbewusster Fahrer, dem wir ohne Sorge unsere Kinder anvertrauen. Und so kommt auch Jaaku voll auf seine Kosten und es ist einfach schön zu sehen, wie die beiden Kleinen ein ums andere Mal stolz helfen, das Boot wieder nach oben zu tragen und sofort auf eine weitere Fahrt drängen – bewaffnet mit einem Stechpaddel, mit dem sie eifrig „helfen“.

 

gemischtes Doppel

Sven fragt mich, ob ich Lust habe, nochmal mit ihm im Barracuda zu fahren (wir waren im Vorjahr schonmal ein paar Kilometer auf dem Lech gefahren – damals war der Barracuda noch ein namenloser Prototyp – und das war meine erste Fahrt überhaupt im Zweier auf bewegtem Wasser gewesen, inklusive Kenterung und langer Arme nach zahllosen Kehrwassern… wirklich vielen Kehrwassern…). Klar bin ich wieder dabei. Aber lass uns klein anfangen…

Wir tragen also das Boot den Kanal hinauf – das offene Barracuda-Modell wohlgemerkt, nicht die Pro-Version – am ersten Becken vorbei… ach was, a bisserl geht noch… am zweiten Becken vorbei… was soll der Geiz… und plötzlich stehen wir fast an der Brücke, wo es richtig wild wird. Worauf hab‘ ich mich da bloß eingelassen?

Aber einen Rückzieher machen ist nicht! Also los. Die erste Stromschnelle klappt ganz k-IMG_7772gut. Einfach gerade durch, und schon haben wir das erste Becken erreicht. Weiter also, konzentriert geradeaus. Aber da habe ich die Rechnung ohne den Kapitän gemacht: Lass uns da mal die riesige Walze queren (hatte ich erwähnt, dass das meine ZWEITE Fahrt im Zweier ist? Im OFFENEN Zweier?). Es kam wie es kommen musste: die Welle befördert zuerst mich und dann Sven aus dem Boot. Mitten im wildesten Teil. Und schwimmend ist es ein SEHR langer Weg bis unten! Ich klammere mich an Sitzkissen und Paddel und versuche nur irgendwie die Orientierung zu behalten. Nach einer gefühlten Ewigkeit komme ich hustend und spuckend unten an.

Wir bergen Boot und Zubehör und dann  komme ich erstmal wieder zu Atem.

Versuchen wir gleich nochmal, oder?

Nochmal? – Nochmal!

Klar versuchen wir es nochmal, aber unter einer Bedingung: wir fahren einfach nur geradeaus runter, keine Spielereien, keine Experimente!

Und genau das tun wir. Und das funktioniert auch sehr gut. Souverän durchqueren wir die ersten paar Schnellen. Während ich langsam zuversichtlicher werde und Gefallen an der Fahrt finde, langweilt Sven sich offenbar so sehr, dass er einfach aussteigt. Zumindest höre ich irgendwann einen unterdrückten Fluch und als ich mich kurze Zeit später umdrehe, bin ich allein im Boot. Allein mit sehr viel Wasser.

Während ich damit beschäftigt bin, den Barracuda irgendwie alleine bis zum nächsten Ausstiegspunkt zu bringen, besinnt sich Sven offenbar darauf, dass der Kapitän als LETZTES das Boot verlässt – jedenfalls taucht er plötzlich neben mir auf und hievt sich wieder an Bord.

Jetzt wieder zu zweit schaffen wir es noch, das verlorene Sitzkissen im Vorbeifahren wieder einzufangen und ruhigere Gewässer anzusteuern.

Nachdem wir das Boot entleert haben vervollständigen wir dann doch noch die Fahrt bis zur Mündung in die Moldau – und auf den letzten Metern lasse ich mich auch noch auf ein paar Kehrwasser ein.

Und ich bin ziemlich stolz, dass ich es immerhin geschafft habe, das Boot ein gutes Stück weit alleine durch den Kanal zu manövrieren. Und falls jetzt irgendwer behauptet, bei der Menge Wasser an Bord hätte man gar nicht mehr kentern können: naja, den fehlenden Kapitän hat das Wasser ja zumindest gut ausgeglichen…

Kinderschwimmstunde

Jetzt ist nur einer aus unserer Familie noch nicht geschwommen: Jaaku! Aber da schafft Sven Abhilfe. Während ich im oberen Teil des Kanals das Queren übe, nimmt er meinen Jüngsten auf eine Fahrt im Nomad mit und spielt im unteren Kanalteil in den

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Wellen. Und irgendwann passiert es dann: das Boot kippt um und die beiden Insassen gehen schwimmen. Ich bekomme nur das Ende des Ganzen mit: von weitem sehe ich ein tropfnasses Bündel, das – assistiert von den anderen in unserer Gruppe – die Böschung hinaufklettert. Als ich näher komme sehe ich dann auch das stolze Grinsen, das über Jaakus ganzes Gesicht geht.

Entrüstung

Wieder allein im Nomad geht Sven nochmal richtig an die Grenzen, spielt in den Wellen, kippt elegant (aber nicht entspannt) vom Paddel gestützt das Boot um annähernd 90°, treibt es irgendwann dann doch zu weit und kentert. Statt das Boot einzufangen und zum Ufer zu schwimmen wie wir Anderen hechtet er einfach zurück ins Boot. Wir beobachten das Manöver vom Rand aus und ich murmele „Angeber“ – nicht ohne Anerkennung, was mir einen wahrhaft entrüsteten Blick seiner Tochter einbringt.

 

Epilog:

Schon auf dem Weg nach Hause – wir sind noch garnicht so lange unterwegs – meine Jaaku plötzlich sehnsuchtsvoll: „Wann darf ich endlich wieder mit Sven kentern?“

 

2 Gedanken zu “Packraften in Tschechien(3): Anekdoten aus dem Wildwasserkanal

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